Dienstag, 16. November 2010

Theaterförderverein, Bürgerstiftung und Ballettfreunde richten Offenen Brief an die Hagener Ratsmitglieder

(Radio58) Hagen - In der mittlerweile dritten "Alternativen Bürgerversammlung" ging es am Montag Abend, bei wiederum reger Beteiligung, diesmal um die Vielfalt der Kultur in Hagen und deren Erhalt. Bereits zuvor hatten Theaterförderverein,  Bürgerstiftung und Ballettfreunde folgenden gemeinsamen Offenen Brief an die Mitglieder des Rates der Stadt Hagen gerichtet:
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"Sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder des Rates der Stadt Hagen!

Am 16.12.2010 haben Sie über ein Sparpaket zu entscheiden, das Ihnen der Verwaltungsvorstand zur Beschlussfassung vorgelegt hat. In diesem Sparpaket sind nachvollziehbare Ausgabenkürzungen und auch notwendige Erhöhungen von Einnahmen enthalten. Die Notwendigkeit der Defizitreduzierung des städtischen Haushaltes ist unbestritten. Es ist aber auch unübersehbar, dass die vorgeschlagene Defizitreduzierung von 90,5 Mio. Euro bis zum Jahre 2020 das gegenwärtige strukturelle Defizit von 160 Mio. Euro nicht beseitigt.

Es verbleibt rein rechnerisch im Jahre 2020 ein Defizit von 70 Mio. Euro. In dieser Zeit wächst der Schuldenstand durch die weiterhin entstehenden jährlichen Defizite aber auf über 2 Mrd. Euro. Wenn man für die Kreditfinanzierung 4 % Zinsen ansetzt – das ist im historischen Vergleich sogar wenig - , sind dann allein 80 Mio. Euro an Zinsen fällig. Das sind 40 Mio. Euro mehr an Zinsen als heute aufgewendet werden müssen. Das vorausgerechnete Defizit im Jahre 2020 wird demnach von 70 Mio. Euro um 40 Mio. Euro auf 110 Mio. Euro gestiegen sein.

Dabei bleibt unberücksichtigt, welche weiteren Finanzbelastungen bei sinkender Einwohnerzahl (prognostiziert sind 175.000 Einwohner) auf die Stadt Hagen zukommen. Insbesondere die Schlüsselzuweisungen des Landes werden weiter sinken.

Daraus folgt: Die Stadt Hagen kann das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts niemals aus eigener Kraft erreichen. Vor diesem Hintergrund ist es kontraproduktiv, durch immer weitere Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen und Stellenstreichungen den Niedergang der Stadt zu beschleunigen. Es besteht so die Gefahr, dass die Zukunftsperspektiven unserer Stadt zunichte gemacht werden, indem man gewachsene Strukturen zerstört, die künftig nicht mehr wieder aufgebaut werden können.

Das betrifft auch unser städtisches Theater, das am 5. Oktober 2011 auf ein 100jähriges Bestehen zurückblicken kann. Eine Zuschussreduzierung von 3,3 Mio. Euro, wie sie jetzt vorgeschlagen wird, bedeutet unweigerlich die Schließung des Musiktheaters, das landesweit große Anerkennung findet und mit dem niedrigsten Zuschuss aller NRW-Theater auskommt. Es ist imageprägend für unsere Stadt, ein erheblicher Wirtschafts- und Standortfaktor und hat eine enorme Strahlkraft in die Region Südwestfalen.

Das Angebot des Theaters erreicht viele Zielgruppen, Kinder und Jugendliche ebenso wie die kulturinteressierten Erwachsenen und Senioren. Diese Angebotsvielfalt gilt es zu erhalten. Sie wird von den Bürgern auch aktiv genutzt. Mit einem Zuwachs von 8.000 auf 170.000 Besucher in der zurückliegenden Spielzeit hat das Theater eine enorme Bedeutung für die Bevölkerung.

Die Schließung des eigenbespielten Musiktheaters führt zur vollständigen Aufgabe der konzert- und theaterpädagogischen Arbeit der Theatermitarbeiter. Dabei ist doch die kulturelle Bildung die wichtigste Ressource für die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder. Darauf können wir auch vor dem Hintergrund der Integrationsdebatte nicht verzichten. Das Theater und die Musik helfen, Grenzen zu überwinden, Zäune einzureißen und verschiedene Kulturen und Religionen einander näher zu bringen. Darin liegen Zukunftschancen für unsere Gesellschaft und ganz besonders für unsere Stadt Hagen!

Nach Aufgabe des Musiktheaters wäre zudem eine völlige Neupositionierung des Theaters in direkter Konkurrenz zum etablierten Parktheater Iserlohn erforderlich. Die Stadt Hagen wäre in diesem Fall bereit, jährlich 3 Mio. Euro für den Einkauf von Gastspielen bzw. für Wanderbühnen auszugeben statt die Kaufkraft des Ensembles (Sänger, Chor, Orchester) in Hagen zu erhalten. Dabei stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt einen ausreichend großen Markt für Musiktheater-Gastspiele in der Region gibt!

Wir halten darüber hinaus betriebsbedingte Kündigungen für vs. 123 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters nicht für verantwortbar. Die Theaterbeschäftigten leisten Jahr für Jahr durch ihre Aufführungen einen positiven Beitrag für die Lebensqualität und den guten Ruf dieser Stadt. Warum sollen ausgerechnet diese Menschen entlassen werden?

Wir appellieren daher an Sie, eine verantwortungsbewusste Entscheidung zu treffen, die die Zukunftsperspektiven unserer Stadt nicht zerstört. Wir werden Sie in jeder Hinsicht unterstützen, beim Land NRW einen höheren Zuschuss zur Theaterfinanzierung zu erreichen. Sollte dies aber trotz aller Bemühungen nicht gelingen, darf das Musiktheater nicht geschlossen werden. Wir erwarten von Ihnen ein klares Bekenntnis zum Fortbestand des Musiktheaters. Stimmen Sie diesem Beschlussvorschlag nicht zu:

Sollte eine entsprechende Förderung durch das Land nicht erreicht werden können,
würde eine Zuschussreduzierung in Höhe von ca. 2.500 T€ die Konsequenzen
auslösen, die im Szenario B von Actori beschrieben worden sind. Das Theater
Hagen würde in der Sparte Musiktheater als Bespieltheater zu führen sein, wie z. B.
das Parktheater Iserlohn oder das Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen.

Es sind vielmehr andere Alternativen zu verfolgen, um den Zuschuss zum Theaterbetrieb zu reduzieren:

Wir werden die laufenden Gespräche zur Neuordnung der Organisationsstruktur des Theaters gern und aktiv unterstützen. Sie werden allerdings überflüssig, wenn der vorstehende Beschlussvorschlag umgesetzt wird.

Wir werden alle Bemühungen aktiv begleiten, durch Zusammenarbeit mit anderen Theatern Synergien zu heben und damit die Kosten des Theaterbetriebs nachhaltig zu senken.

Wir bieten Ihnen unsere aktive Unterstützung und unsere konstruktive Zusammenarbeit an.

Freundliche Grüße

Der Vorstand des Theaterförderverein Hagen e.V.
Der Vorstand der Bürgerstiftung der Theaterfreunde Hagen
Der Vorstand der Ballettfreunde Hagen"

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Eine ausführliche Berichterstattung zur dritten "Alternativen Bürgerversammlung" folgt - hier bei Radio58.

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